Sie sind hier: Aktionen / Aktionen-Archiv / 2013 / Evonik Premierenkritiker (Anzeige)
 

Evonik Premierenkritiker (Anzeige)

Evonik präsentiert Ihnen die Ruhrfestspiele Recklinghausen!

Erleben Sie eine großartige Auswahl an Schauspielen, Theater und Kabarett.

Sie konnten sich bewerben und Premierenkritiker werden - nun finden Sie hier nach und nach die einzelnen Kritiken zum Nachhören.

7. Mai: Ihre Version des Spiels

yasmina reza ist weltweit die zurzeit erfolgreichste theaterautorin. ihre stücke sind allerfeinste etüden für schauspielerische hochbegabungen. bei roman polanskis verfilmung von »der gott des gemetzels« drängelten sich weltstars auf die besetzungsliste. in ulrich wallers inszenierung von »ihre version des spiels« spielt nun die großartige hannelore hoger die hauptrolle.

Die erfolgreiche Autorin Nathalie Oppenheim folgt einer Pflicht, die ihr zuwider ist - sie liest in der Provinz. Nun sitzt zu ihrem Unglück neben dem harmlosen örtlichen Bibliothekar auch eine brennend ehrgeizige Journalistin auf dem Podium. Mit ihren Fragen versucht die Frau ungeniert, „pikante" Details aus dem Buch mit dem Privatleben der Autorin zu verknüpfen. Eine Karrieristin hat Blut geleckt und eine an sich scheue Schriftstellerin wird zur Furie.
Mit dieser Eskalation der Dinge ist Yasmina Reza wieder bei ihrem ganz eigenen Stil angekommen, den sie meisterhaft beherrscht. Sprachliche Nadelstiche verwandeln zivilisierte Kulturbürger in eine Ansammlung hochgradig gereizter Nattern. Alle Mechanismen der Selbstkontrolle versagen, die eben noch kultiviert Plaudernden verlieren jegliche Kontenance. Eigentlich möchte man dem Gegenüber nur noch an die Gurgel gehen.
Ein bürgerliches Schlachtfest, serviert von einer Grande Dame des europäischen Theaters. Zuletzt spielte sie bei den Ruhrfestspielen 2005 in Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

Premierenkritik anhören

15. Mai: Rose Bernd

im jahre 1903 wurde gerhart hauptmann zum geschworenen bestimmt, um über eine kindsmörderin zu richten. seine genaue beobachtungsgabe half ihm zu erkennen, dass sie ein opfer der verhältnisse war; es gelang ihm, den freispruch durchzusetzen. eine ungeheuerlichkeit im preußischen rechtssystem. noch am tag der urteilsverkündung begann er, »rose bernd« zu schreiben.

Rose Bernd soll August Keil heiraten, einen frömmelnd sich selbstzerfleischenden Mann. Dies hat ihr strenger, moralisch unerbittlicher Vater bestimmt. Doch Rose sucht das wahre, kleine, kurze Glück in den Armen von Christoph Flamm, dem Mann ihrer Ziehmutter, der einzigen Frau, die jemals gut zu ihr war, und das wird fatal. Der Maschinist Streckmann ertappt die beiden, erpresst Rose Bernd, vielleicht missbraucht er sie gar.
Eine junge Frau wird irre an den Verhältnissen und an den Männern. An ihrem moralinsauren Vater, an ihrem schwächlichen Bräutigam, an ihrem brutalen Erpresser, schließlich an ihrem flatterhaften Liebhaber. Rose Bernd ist erstickt am Leben, noch bevor es überhaupt begonnen hat. Und es gibt da auch noch ein Kind ...
Hauptmann entpuppt sich in diesem bewegenden Werk als der große Zeitgenosse von Freud, sein „Naturalismus" - für den er gerne hergenommen wird - ist ein veritables Psychogramm. Aus diesem Gedanken heraus entwickeln Regisseur Frank Hoffmann und Bühnenbildner Ben Willikens ein Universum, das von herausragenden Schauspielern belebt wird. Die bei den Ruhrfestspielen mehrfach gefeierten Jacqueline Macaulay und Wolfram Koch stehen im Brennpunkt.

Premierenkritik anhören

23. Mai: Wer ist die Waffe, wo ist der Feind

oliver bukowski, deutscher dramatiker mit renommee, dessen stücke bereits mehrfach in recklinghausen gespielt wurden, beschränkt sich in seinem jüngsten auftragswerk auf eine episode aus der deutschen jugendbewegung im jahre 1913 und fängt damit etwas von dem episch weiten leitmotiv der diesjährigen ruhrfestspiele ein:

Wie kündigen sie sich an, die großen Ereignisse? Die Aufbrüche, die Untergänge, die Umwälzung alles Bestehenden oder deren Erstickung in der Katastrophe? Wie spürt man die Zeitenwende als Individuum, das konkret in dieser Zeit lebt? Der Hohe Meissner, ein Tafelberg in Hessen, war für die Naturfreundebewegung um 1910 eine Art Wallfahrtsort. Der überhitzte, aufgeladene Idealismus auf diesen Treffen fängt etwas ein von der ungeheuren Spannung in der Gesellschaft kurz vor dem Ausbruch der Katastrophe.
Bukowski greift das aktuelle Theorem vom „Unbehagen in der Gesellschaft" auf und zieht eine Parallele zwischen der Historie seiner vier jugendlichen Protagonisten und ähnlich aufgeladenen Aggregatzuständen der Protestbewegungen unserer Gegenwart.
Damals wie heute ging es der Jugend darum, das „Eigentliche, das Authentische" zu finden und darauf eine neue Gesellschaft zu gründen. Verblüffend für das Jahr 1913 sind seine Ähnlichkeiten zu den jungen Reaktionsweisen wie Occupy oder Anonymus. Und der absolute Anspruch auf die Deutungshoheit dessen, was moralisch und menschlich ist, schlägt ungeahnte Brücken.

Premierenkritik anhören

29. Mai: Anatol

»frühgereift und zart und traurig, die komödie unserer seele«, schrieb hofmannsthal zu schnitzlers »anatol«. zeile und stück prägten sich ein, weil sie der endzeitstimmung des kaiserreichs ausdruck und einen typus gaben - den melancholisch gebrochenen wiener don juan.

Der Titelheld ist ein tiefgründiger Mann: Partytier, Weiberheld, Frauenversteher. Ein Freund geschmackvoller Gespräche und altmodischer Amüsierdrogen. Seinem Kumpel Max in homophiler Hingabe zugetan, ansonsten dem weiblichen Geschlecht verfallen. Über dieses weiß er delikat zu theoretisieren, aber die Praxis ist vulgär: Anatol schläft wahllos mit jeder Frau. Nur jung muss sie sein und Projektionsfläche bieten für seine Sehnsucht nach wahrer Liebe.
Denn der psychologische Tiefenforscher Schnitzler hat seinen Helden mit einem Seelenleben ausgestattet, mit einem psychischen Apparat. Komplex und neurotisch klappert er in Anatols Innerem und entlarvt sein scheinbar reibungsloses Leben als zutiefst gestört. Aber was wäre, wenn der arme Anatol nicht therapierbar wäre, weil es da nichts zu therapieren gibt? Kein verkorkstes Seelenleben, nur ein rasantes Sexleben. Brutal, geheimnislos, kalt. Ein Leben, das vielleicht falsch ist, aber richtig viel Spaß macht. Florian Fiedler untersucht das Leben Anatols in seiner Inszenierung nach dem Motto: Es gibt kein falsches Leben im richtigen.

Premierenkritik anhören


Weitersagen und kommentieren