
Neues Unheilig-Album: Der Graf, seine Mutter und die KI
Veröffentlicht: Freitag, 13.03.2026 07:00
Musik
Köln (dpa) - Wenn man sich der Graf nennt, pechschwarze Anzüge trägt und immer ein wenig den Anschein erweckt, als habe man schon einmal in einer Gruft gelebt, dann ist das natürlich ein Kinderspiel: die Rückkehr aus dem Reich der Toten. Zumindest musikalisch.
Am Freitag erscheint ein neues Album der Formation Unheilig – eines, das es eigentlich gar nicht geben sollte. Denn 2014 hatte der Graf, Sänger und Kopf des Musikprojekts, einen Abschiedsbrief an die Fangemeinde geschrieben. «Gipfelstürmer», das damals bevorstehende Album, beinhalte «die besten Songs, die ich je geschrieben habe», notierte er darin, durchaus selbstbewusst. Ihm sei klar geworden, dass er damit bei Unheilig ein «letztes Kapitel» aufgeschlagen habe.
Nach einer ausgedehnten Abschiedstournee war 2016 tatsächlich Schluss: ein letztes Konzert in Köln, ein Abschiedsalbum, das dann doch noch irgendwie aus der Feder geflossen war. Unheilig war Geschichte – dachte man.
Denn nun ist der Graf wieder zurück, von ewiger Ruhe keine Spur. Nachdem bereits im September die Comeback-Single «Wunderschön» erschienen war und Unheilig erste Konzerte gab, folgt nun ein neues Album an einem – Grusel, Grusel! – Freitag, dem 13. Es trägt den Titel «LIEBE GLAUBE MONSTER» und ist, so heißt es, ein «Konzeptalbum». Das Cover erinnert im Stil an den weltberühmten Street-Art-Künstler Banksy, den wohl mysteriösesten Künstler der Gegenwart. Aber es zeigt den Grafen. Damit ist der Ton gesetzt.
Das Konzept bin ich
Das Konzept, so muss man es wohl sagen, ist daher: der Graf. «Das Album ist eine Reflexion der letzten 50 Jahre – von der Kindheit bis heute», sagt der Musiker der Deutschen Presse-Agentur. Jedes Lied darauf habe einen persönlichen Bezug zu ihm. «Es sind keine erfundenen Geschichten dabei.»
Herausgekommen sind 16 Stücke, in denen der Graf – der weiterhin einen Rest-Mythos pflegt und etwa seinen echten Namen nicht nennt – viel über die Menschen singt, die ihn umgeben. In «Du bist meine Heimat» geht um die Liebe zu seiner Frau, die er fast sein ganzes Leben lang kennt. In «Liebe» singt er über seine Eltern und das Alter. «Mein Löwe» ist direkt seiner Mutter gewidmet, die – wie nun bekannt wurde – vor einigen Tagen starb.
Er öffne die Tür zu seinem Privatleben heute schon ein Stück weiter als früher, gibt der Graf zu. «Ich erzähle, dass ich verheiratet bin, dass ich aus der Nähe von Aachen komme und dass ich Eltern habe». Aber, ernster Blick: «Das war es dann auch schon.» Der Fokus müsse auf der Musik liegen. «Je mehr Leinwand man für Belanglosigkeiten bietet, desto kleiner wird das Eigentliche.»
Der Graf sieht einen neuen Frankenstein
In «Brot und Spiele», einem weiteren Album-Song, geht es ganz in diesem Geiste darum, dass mediale Berichterstattung aus Sicht des Grafen oft nur der Ablenkung diene. «Nebensächlichkeiten – etwa wenn ein Musiker mal von einer Bühne fällt – werden zu großen Nachrichten», nennt er als Beispiel. Dazu muss man erwähnen, dass der Graf ausgerechnet bei seinem Comeback-Konzert im November tatsächlich von der Bühne gestürzt war.
Insgesamt klingt das Album aber, als sei der Graf nie weg gewesen. Die eher balladenhaften Songs schließen an den Superhit «Geboren um zu leben» von 2010 an. Die schnelleren, etwas drängenden Lieder erinnern an die Wurzeln der Formation in der Gothic-Szene. Die Stimme ist satt und tief, die Ästhetik leicht ins Düstere gedimmt – und man tritt dem Grafen nicht zu nahe, wenn man sagt, dass der Pathos nicht sein Feind ist. Eine gut funktionierende Kombination.
Für den sanften Mittelschichtsgrusel hat er etwa ein Lied mit dem Titel «KI – 01001011 01001001» auf das Album gepackt. Für den Grafen, selbst ja von Düsternis umweht, ist Künstliche Intelligenz die reale Entsprechung zu Mary Shelleys Frankenstein, wie er sagt. «Wir haben heute die Macht, digitale Wesen zu erschaffen, die so echt wirken, dass die Menschen ihnen bedingungslos glauben», analysiert der Graf. «Die Kombination aus KI und einem völlig unkontrollierten Internet halte ich für hochgefährlich.»
Ein Lied ist ein Lied
Ist man kein Fan von Unheilig, lässt sich über all das sicherlich leicht auch lächeln. Der schwarze Totengräber-Anzug, die tief intonierten Lebensbekenntnisse – für Außenstehende kann das schnell überhöht und auch unfreiwillig komisch wirken. Und doch stellt sich eine andere, vielleicht interessantere Frage: Warum funktioniert das alles so gut?
Die Antwort könnte sein, dass der Graf in einer Welt voller Zynismus irgendwie unzynisch wirkt. Ironische Distanz – das gibt es bei ihm nicht. Ein Gefühl ist ein Gefühl, ein Lied über seine Frau eben ein Lied über seine Frau – ohne gedrechselte Zwischenebenen. Der Graf hat eine No-Bullshit-Aura.
Deshalb funktioniert Unheilig auch in so vielen Settings. «Wir sind musikalisch so breitgefächert, dass wir überall auftreten können», sagt der Graf. «Wir haben in Wacken gespielt und sind danach direkt zu Carmen Nebel gefahren.» Im Sommer sind Open-Air-Shows geplant und im Herbst und Winter 2026/2027 eine große Arena-Tour.
Im Oktober 2027 soll es sogar eine Unheilig-Kreuzfahrt geben. Motto: «Leinen los mit Unheilig & Friends.» Es wird vermutlich nicht die letzte Ausfahrt des Grafen sein.
